Geschichte des VKH

Bereits um die Jahrhundertwende (19. Jahrhundert) stellten Verantwortliche im Kolpingwerk fest, dass einige Aufgaben im Verbund besser zu lösen sind. So wurde 1909 die Gründung eines Revisionsverbandes zur Unterstützung der Verwaltungen der Gesellenhäuser beschlossen.

Erst unter den wirtschaftlichen Belastungen der Inflation in den ersten Krisenjahren der Weimarer Republik (1923) kam es zur Gründung eines Verbandes, der in erster Linie für die Belange der Gesellenhäuser zuständig sein sollte (Hausverwaltung und Kassenrevision). Um Neugründungen auf eine solide Basis zu stellen, wurde am 5. Mai 1925 die erste Satzung des "Reichsverband Katholischer Gesellenhäuser, Lehrlings- und Ledigenheime" beschlossen und am 22. Juni 1925 wurde der Verband in das Vereinsregister beim Amtsgericht Köln eingetragen. Als rechtsfähiger Verein konnte er von nun an unter anderem die Interessen der ihm angeschlossenen Häuser auch vor Gericht vertreten.

Während des II. Weltkrieges ruhte die Tätigkeit des Verbandes.

Der Verband der Kolpinghäuser eV ist mit seinem jetzigen Namen am 3./4. März 1953 in Königswinter mit einer entsprechenden Satzung konstituiert worden.

Es gibt zur Zeit etwa 230 Kolpinghäuser in der Bundesrepublik Deutschland. Aus der Nutzung dieser Häuser, die ursprünglich gemäß dem Vorbild des Kölner Gesellenhospitiums auf die Zielsetzung Lebensschulung, Gemeinschaftserleben und -leben, Fortbildung und Freizeitgestaltung ausgerichtet waren, hat sich Anfang der 1950er Jahre eine weitere Differenzierung der Nutzungsformen ergeben.

Die Kolpinghäuser durch zielgerichtete und organisatorische Beratung zu unterstützen war und ist das Hauptanliegen des Verbandes der Kolpinghäuser eV (VKH).

Adolph Kolping 1848: "Der Geselle ist in den Feierstunden (gemeint ist der Feierabend, d.Verf.) geradezu auf die Straße gewiesen oder ins Wirtshaus; denn zu Hause, beim Meister, ist kein rechter Verbleib. Er ist ein freier Mensch, aber auch so frei, dass die Freiheit zuzeiten eine Last wird."

Adolph Kolping 1852: "Ordentliche Herbergen sind ein schreiendes Bedürfnis für ordentliche Gesellen, für sie nicht allein, sondern auch für ordentliche Meister, ordentliche Bürger, fürs ganze ordentliche christliche Leben. Der bestehende Zustand taugt nichts und muss gebessert werden."

Adolph Kolping 1854: "Die Gesellenvereine (später Kolpingsfamilien, d.Verf.) lösen erst dann ihre Aufgabe, wenn man mit dem Verein ein Hospitium (später Kolpinghaus, d.Verf.) verbinden kann, so dass die Mitglieder dem nichtsnutzigen Herbergswesen entrissen werden."

1853 wurde auf der Generalversammlung der rheinisch-westfälischen Gesellenvereine allen Vereinen die Errichtung eines Gesellenhospitiums angeraten.

Der Text "Für ein Gesellenhospiz" aus Band 4 der Kolpingschriften kann als zweite programmatische Schrift Kolpings eingeordnet werden, jetzt bezogen speziell auf die Gesellenhospizen (Kolpinghäuser) dies aber im Kontext der grundlegenden Aufgaben und Zielsetzungen des Werkes insgesamt. Er steht hier zum Download als pdf-Dokument zur Verfügung, kann aber im Folgenden auch direkt gelesen werden: Von Adolph Kolping, Domvikar und Präses des Gesellenvereins zu Köln. (Manuskript, für wohltätige katholische Christen gedruckt.)

Das alte deutsche Handwerk hatte einen "goldenen Boden". Meister und Gesellen waren durch die strengen, aber wohltätigen Bande der Innung oder Zunft untereinander verbunden, dadurch jeder in seiner ihm zuständigen Stellung geschützt und gehalten. Das Ganze ruhte auf einer religiös?sittlichen Unterlage. Zucht und Ordnung wurden gebührend gehandhabt; denn die Zunft sollte sein so rein, wie von Tauben gelesen. Das "ehrbare Handwerk" war der Stolz jedes Zunftgenossen, mußte eine Wahrheit sein auf der Lippe jedes Gesellen und Lehrburschen. Die Alten verstanden es nämlich, anerkannte Ordnungen zu handhaben. Damals stand die Familie, Meister mit Frau und Kindern und den Gesellen, in christlicher Ehrwürdigkeit da, jeder in seiner Stellung geachtet und geehrt, und deshalb jeder in seiner Stellung zufrieden. Das Handwerk blühte, und die Städte standen in Flor; denn der wahren bürgerlichen, sittlichen Tüchtigkeit folgt der Wohlstand. Tiefer, religiöser Ernst hielt die Gesellschaft in größeren und kleineren Kreisen zusammen; denn die Kirche war noch in allen Lebenskreisen als "die göttliche Anstalt" anerkannt.

Die alte Zeit ist mit ihren alten Ordnungen verschwunden, weil der alte, ernste, religiöse Geist aus den Massen gewichen. Diese sind den Verlockungen einer falsch verstandenen Freiheit unterlegen. Von innen heraus hat sich die gesellschaftliche Ordnung, besonders in den Städten, umgestaltet. Zielte das frühere Streben nach Einheit, Vereinigung, nach dem Wohl und Glück des Ganzen, so wendete die neue Zeit sich dem Wohlbefinden des einzelnen zu, setzte die Menschen auseinander und wies jeden an sein persönliches Interesse. Darüber ging [!] die Kraft der Sozietät, der Glanz und Einfluß der Genossenschaften, die Ehrwürdigkeit der Stände in ihrer Gesamtrepräsentation verloren. Die religiös?sittliche Basis schwand aus der Gesellschaft; denn die neue Zeit erkennt die Vollberechtigung der Kirche nicht an. Die höhere Idee der Menschheit, die das Christentum zu verkörpern strebt, gibt dem ganzen Menschenleben in allen seinen Beziehungen seine eigentümliche Bedeutung, darum dem sozialen Leben seine eigentümlichen Gesetze. Diese Idee wurde verdunkelt, die Gesamtfreiheit in die Einzelfreiheit verkehrt, nach Möglichkeit jeder Mensch auf sich selbst gestellt und das persönliche Interesse als das erste Lebens? und Gesellschaftsgesetz proklamiert. Dieser Geist steht dem christlichen Geiste diametral entgegen. Die gesellschaftlichen Zustände sind dabei ins Arge umgeschlagen. Die traurige, allen bekannte Wirklichkeit überhebt mich fast der Beweise. Doch will ich versuchen, und zwar mit möglichstet einige dieser tatsächlichen Beweise, und zwar aus dem Handwerksleben, anzuführen wie auf die Ursachen näher einzugehen, die solche Ergebnisse zutage gefördert, nicht ohne die sehr bestimmte Absicht, durch die Aufdeckung des Übels zu tätiger Wehr gegen dasselbe aufzufordern. Teilnahme an dieser Wehr, gründliche Teilnahme dürfte heutzutage zu den gebieterischsten Pflichten gehören.

Seit einigen Jahrzehenden [!] hat das Handwerksleben der Städte im Äußeren jene Umgestaltung an sich vollbracht, die im Inneren durch den bis in die Tiefen der Gesellschaft eingedrungenen unchristlichen Geist längst vorbereitet war. Der Zunft? und Innungsgeist war bereits gewichen, bevor das äußere Gerüst der Zunft zusammenbrach, oder ist tatsächlich längst verschwunden, wo diese Gerüste noch wie Ruinen besserer Vergangenheit in die neue Zeit hineingerettet worden sind.

Nirgendwo in deutschen Landen, und außer ihnen noch weniger, ist mehr das alte Handwerksleben mit seinen streng religiös?sittlichen Ordnungen, mit seinen das ganze Handwerk regelnden Bräuchen, mit seiner Zucht und Wachsamkeit mehr zu finden. Entweder hat die Gewerbefreiheit jedes einigende Band unter den Gewerbsgenossen zerrissen, sogar das Andenken an des Standes Ehre und Ruhm vernichtet und mit vandalischer Wut jedes öffentliche Abzeichen der Zunft und des Gewerkes zerschlagen und aus den Augen der Menschen geschleppt, die Handwerksgenossen aber, unmäßig die Masse vervielfältigend, als ein loser Haufe[n] von Individuen in die Städte geworfen, die in demselben Maße sich jetzt befehden, als sie sich einst zu schützen gute Ursache hatten, dem Proletariate breite Wege geöffnet; oder wo die Zunft dem Namen und der äußeren Form nach bestehen blieb, ist doch der unchristliche Geist der Zeit Herr geworden in dem alten Hause und hat die alte Zucht daraus vertrieben, mit ihr aber die wahre Wohlfahrt und den Segen. Egoismus hier wie dort, und mit ihm seine zerstörenden Folgen; denn der Egoismus trennt und zersplittert, schwächt und entkräftet, und wie er nur ein Leben von diesseits kennt, so pflegt er auch nur dieses Leben, und geschähe es auf Kosten der teuersten Güter der Menschheit. Die Trennung aber derjenigen, welche eine höhere soziale Ordnung naturgemäß verbindet, fand zunächst im Hause des Meisters statt. Von Stunde an, als die neuen Freiheitsideen Eingang fanden auch bei den niederen Ständen ? es mögen ein paarjahrzehnte vor dem Beginne dieses Jahrhunderts sein ?, sonderten sich Meister und Gesellen in einem Verhältnisse, das vielleicht manchem nicht viel zu bedeuten scheint und das doch eben von überaus tiefer Bedeutung ist. Bisher nämlich hatte der Meister sich zugleich als der Hausvater auch über die Gesellen betrachtet, er, der Meister in der Werkstätte, am gemeinsamen Familientische Hausvaterrecht und ?Pflicht zu üben gewohnt war. Unangetastet stand seine Autorität im Hause da, der sich niemand zu entziehen wagen durfte. Ich deute nur auf das christliche Element dabei hin. Nun aber wurde allmählich eine Scheidewand aufgerichtet zwischen dem Tische des Meisters und dem Tische der Gesellen, natürlich zuerst bei den größeren Meistern, und damit begann jener unheilvolle Bruch in der Handwerksfamilie, dessen furchtbare Tiefe heutzutage niemand mehr auszufüllen vermag, ein Bruch, der unermeßlich viel Unheil angerichtet hat. Mit dem gebrochenen Familientische brachen die Herzen voneinander, und an die Stelle der alten Traulichkeit trat anfangs Kälte, dann geheime und offene Opposition, an die Stelle der Autorität, die im Grunde ihr Recht nur aus der Liebe schöpft, die Gewalt; man fing an, in der Familie sich zu entfremden.

Wer von beiden Teilen die meiste Schuld an dieser Sünde trägt, ob Meister oder Gesellen, ist schwer zu entscheiden; wahrscheinlich haben beide Teile Schuld, wie es in sozialen Sünden immer der Fall ist und sein wird, obschon schwerer Verdacht auf die Meister fällt, die größere Schuld zu haben; konnte die Tatsache doch nur durch sie vollbracht werden.

Wo zweierlei Tische in demselben Hause geführt werden, ist immer der eine besser als der andere. Das setzte im gegebenen Falle Klagen ab, besonders als der Meister anfing, völlig zu vergessen, daß er auch für die Gesellen Hausvater sei. Das aber führte dazu, daß, um den Sticheleien oder offenen Vorwürfen möglichst auszuweichen, der Meister sich von den Gesellen fernzuhalten suchte, wo es nur anging; und nicht lange dauerte es, bis jede direkte Familienverbindung zwischen dem Meisterhause und der Gesellenwerkstätte aufhörte. Der Meister wurde "Arbeitgeber", der Geselle "Arbeitnehmer". Die Ausdrücke sind zwar neueren Ursprungs, das Verhältnis ist aber wenigstens schon ein halbes Jahrhundert alt. Gerade als die Handwerkerfamilie in solcher Weise auseinanderzuweichen begann, brach die Französische Revolution aus und überschüttete auch unser armes Vaterland mit ihrem Fluch und Unsegen. Von den "Wohltaten" der Revolution spüren wir heute nämlich sehr wenig. In diesem Sturme wurde auch die alte Zunft zerschlagen, jeder Innungsverband ? am Rheine ? aufgehoben, die Güter gestohlen oder verschleudert, dafür aber die tolle Gewerbefreiheit, ein echtes Revolutionskind, zu Recht proklamiert. Die Meister, oft kaum der Lehre entwachsen, oft geradezu ihr entlaufen, schossen wie Pilze aus der Erde hervor. Das mußte das bereits Angebahnte zwischen Meistern und Gesellen noch schlimmer machen. Und richtig, es bereitete sich bald ein Zustand vor, der unerträglich müßte genannt werden, wenn nicht die Erfahrung lehrte, daß die menschliche Natur bis auf eine gewisse Zeit das fast Unglaubliche ertragen könne. Mit dem getrennten Tische begann die getrennte Werkstätte, mit dieser Trennung die relative Selbständigkeit der einzelnen Parteien und Individuen. Jede Faser eines christlichen Familienbandes ward abgerissen; auch bot keine Zunft mehr sittlichen Halt oder der Ungebühr Schranken, jede sittliche Überwachung sowohl des einen wie des anderen Teiles fiel weg; der einzelne Handwerker, gleichviel, ob Meister oder Geselle, ward auf sich selbst gestellt, blieb sich selbst überlassen, sorgte nur für sich selbst und mußte seine Haut salvieren, so gut oder so schlecht es immer gehen wollte. Am schlimmsten kam dabei der arme Geselle weg. Bald ward's auch noch mit dem kleinen Teile der Mahlzeit zuviel, welchen der Geselle aus dem Hause des Meisters auf seinen Arbeitsstuhl, und zwar oft genug für bedungenes Geld, geschickt erhielt, noch zuviel die elende Schlafstelle auf der Werkstätte selbst oder doch im schlechtesten Winkel des Hauses ? hinaus ward er außer der Arbeitszeit gewiesen, der Geselle, der sich ja als "Fremder" im Hause geniert und den man zum "Fremden im Hause" gemacht hatte. Damit begann das Elend des armen Burschen erst recht, mochte er, nun wilder Freiheit überantwortet, es auch selbst nicht glauben. Im Wirtshause oder auf der Straße, oder wo es ihm sonst nur gefalle, mochte er sein Unterkommen selbst suchen und für seine sauer erworbenen Groschen die Pflege bezahlen bis zur kleinsten Dienstleistung, die dem Menschen zukommt und die er nun einmal nicht missen kann. In welche Versuchungen er unter solchen Umständen stürzt, welches Volk sich an ihn hängt und ihn auszubeuten sucht, kann der geneigte Leser selbst denken. Der Meister gibt dem Gesellen nur Arbeit, wenn er welche hat, läßt ihn draußen warten, wenn er keine oder nur schwache hat, läßt ihm Luft und Licht und ein wenig Raum zur Arbeit, gibt ihm dann den knapp bedungenen, oft willkürlich festgesetzten Lohn. Im ührigen sind Meister und Gesellen völlig geschiedene Leute. Das ist der Fall, wo die Gewerbefreiheit haust, das ist der Fall, wo die Zünfte noch in ihren äußeren Formen bestehen; diesen Zustand und die notwendig daraus folgenden Übel habe ich auf meiner neulichen Fahrt durchs deutsche Land eben überall in den größeren Städten angetroffen. Ich bitte augenblicklich nur, dieses tatsächliche Verhältnis mit jener alten meisterlichen Hausordnung zusammenzustellen und zuzusehen, was der antichristliche Geist in unseren gesellschaftlichen Zuständen angefangen. "Wer nicht mit mir ist", sagt der Weltheiland, "der ist wider mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut." Aber jetzt, lieber christlicher Leser, fasse ich dich bei der Hand - wollte Gott, daß ich dich auch mit deinem Herzen fasse! - und führe dich an die Folgen solchen Tuns. Zuschauen müssen wir mit unverwandtem Auge, was bei so bestellten Dingen besonders aus unseren jungen Handwerkern geworden ist, und zwar ganz besonders in einer Zeit, die der Bosheit Tiefe an die Oberfläche des Lebens gewühlt hat. Um dem möglichen Vorwurfe zu begegnen, als trage ich um des Effektes willen die Farben zu stark auf, will ich mich nur an selbst erfahrene oder aus den allerbesten Quellen geschöpfte Tatsachen halten.

Das vorige Jahrhundert war das Jahrhundert der religiösen Oberflächlichkeit und der Frivolität im Gebiet der Sittlichkeit. Mit diesem Schlamme haben sich zumeist die oberen Schichten der Gesellschaft besudelt. Nun aber steht der Handwerker stets nicht an der Tür der Reicheren, sondern mitten in ihren Wohnungen, und ist er um des Geschäftes willen Zeuge von ihrem Tun und Lassen - gewiß oft mehr, als ihm gut ist. Dabei hat er scharfe Sinne, und an Kombination fehlt es ihm nicht, besonders wenn es sich um handgreifliche Dinge, um Tatsachen handelt. Vielen Unrat hat er aus jenen Höhen in die Werkstätte geschleppt, der bald seine Verwüstungen angerichtet, lange bevor diese Fäulnis im öffentlichen Leben sich breit machte. Denn zwischen den vier enggeschlossenen Wänden einer Werkstätte bewegt sich eine eigentümliche Welt, deren Gebiet, wenn nicht vom Meister und Hausvater, von keinem fremden Auge, selbst nicht einmal von der hundertäugigen Polizei, übersehen und überwacht werden kann, eine Welt voll eigentümlicher Vorstellungen und Pläne, die hier Tag für Tag, jahraus und jahrein verarbeitet werden und nur ans Tageslicht treten, wenn der Sturm der Zeit die Wände durchbricht und diese "Gesellen" in hellem Hauf' auf die Straße treibt. Was man also oben in der Welt sah und hörte, das ward der Gegenstand des täglichen Gespräches auf den Werkstätten, das wurde dort kommentiert und kritisiert; man sog mit an dem Gifte, und die Folgen sind nicht ausgeblieben. Ich selbst habe einen Meister gehabt, dessen Jugendzeit in den Anfang dieses Jahrhunderts fiel und der lange Jahre auf den ersten Werkstätten mancher Städte herumgesessen. Derselbe Meister kannte aus der dort empfangenen Tradition - damals war das Lesen auf den Werkstätten noch nicht Mode wie dreißig Jahre später - die meisten jener hohlen, erbärmlichen Einwürfe gegen die Religion, womit das 18.Jahrhundert prahlte, wußte eine Menge Anekdoten aus dem Leben frivoler Reicher und hatte eine merkwürdige Kunde von allem Skandal, der seit einem Menschenalter in seiner ziemlich weitgespannten Umgebung vorgefallen war, und zwar bei geistlich und weltlich. Derselbe Meister war eingeweiht in die Geheimnisse der Liederlichkeit, daß sich die menschliche Natur darob entsetzte, und schilderte das Leben seiner Handwerksgenossen auf den Werkstätten, den Herbergen und sonstwo, daß es mir damals vorkam und noch deucht, die Heidenwelt habe kaum ärgere Greuel aufweisen können. Das konnte um so ungestörter auf den Werkstätten verhandelt werden, als schon damals der Meister sich fernhielt und schon gesorgt hatte, daß Weib und Kinder mit der Werkstätte in gar keine Berührung mehr gerieten. Wenn aber einmal Frivolität in Glauben und Sitte auf den Werkstätten heimisch geworden, die nachrückende Jugend, völlig sich selbst überlassen, immer wieder aufs neue in vorhandenen Schmutz gesetzt wird und seit zwei Menschenaltern sich keine Hand gerührt hat, hier einmal gründlich auszufegen, vielmehr alles nur zusammenwirkt, jedes keimende Gute in der verwüsteten Umgebung zu ersticken, dann kann jeder denkende Mensch die naturgemäßen Folgen an den Fingern herzählen. Bald sollte ich die praktische Erfahrung selber machen. Der Eintritt in die größeren Werkstätten überzeugte mich nur, daß das oben geschilderte Unheil unaufhaltsam seine Wege gegangen. Meister und Gesellen, in derselben Schule gebildet, seit der Lehrzeit an die Vorstellung und ans Beispiel der Sittenlosigkeit gewöhnt, achteten weder Gottes Gebot noch der Menschen Gesetz, traten die Sonntagsfeier so ungeniert unter die Füße, daß man in helles Gelächter ausbrach, als der eine oder andere es versuchte, sich dieser Gotteslästerung zu entwinden, übergossen mit Hohn und Spott jeden Versuch, guter Sitte ein Wort zu reden, und prahlten mit ihren Schandtaten so frank und frei, als ob man damit unsterblichen Ruhm zu erwerben gedächte. Ich kann und mag kein ausführliches Gemälde all des sittlichen Jammers entwerfen, der jahrelang mir so entsetzlich vor Augen gestanden, daß sein Andenken mir sich unvertilgbar in die Seele gebrannt hat. Nur das will ich noch beifügen, daß ich auf den größeren Werkstätten keinen einzigen ordentlichen, sittenreinen Gesellen angetroffen habe, aber wahre Ungeheuer von Sittenlosigkeit, und keinen Meister, der sich im mindesten darum bekümmert hätte.

Das waren die Folgen jener zügellosen Freiheit, in die man den armen Gesellen hineingestoßen, als die Zunft auseinanderwich, der Meister ihn von seinem Tische wies, ihm die Schlafstätte versagte, sich um die Aufführung seiner Gesellen nicht mehr bekümmerte, als der freie Geselle trieb, was er mochte, und sich im Wirtshause oder auf der Straße oder sonst in einem Winkel abgelegener Gassen ein Unterkommen suchte, wie es seinen Verhältnissen und seiner Natur gleich sah. Und wenn gleich und gleich sich gern gesellt, wird's wundernehmen, wenn der sittlich ruinierte junge Mensch sich Gesellschaften sucht, die ihm zwar gleichen, die aber sein Unglück nur vollenden helfen?

Ich weise noch auf einen anderen Umstand hin, der durchaus nicht soll übersehen werden. Weil in der Regel in der Nähe kein Familienband den Gesellen fesselt, keine Liebe um ihn wandelt, niemand von Herzen sich um ihn kümmert - auch noch aus anderen Gründen minder edler Art -, sucht der lose in die Welt geworfene Geselle den Umgang mit dem weiblichen Geschlechte. Liebschaften sind seine gewöhnlichsten Nebenbeschäftigungen. Er bindet in der Regel mit weiblichen Dienstboten an. Der nachdenkende Leser wird einen der Gründe wissen, warum der weibliche Dienstbotenstand vielfach so entsetzlich verkommen ist, wird wissen, wie die Sittenlosigkeit in alle Schichten der niederen Bevölkerung eindringt, wie Ehen und welche Ehen zustande kommen und welch ein Geschlecht daraus erwachsen ist und erwachsen muß. Aber das wandelt ja um uns und ruft von allen Seiten die täglichen Klagen heraus.

Ferner bedenke man nur die natürlichen Folgen einer Lebensweise, in die der junge, unabhängige Geselle die ganze Jugendzeit hindurch gleichsam hineingestoßen wird. Kaum aus der Lehre entlassen, in welcher er, beiläufig gesagt, schon hinreichende Bekanntschaft mit Dingen gemacht hat, die er besser nie kennengelernt, ist er gezwungen, nur die Straße oder das Wirtshaus als seine Zufluchtsstätte anzusehen. Nach der Arbeitszeit ist für ihn die Werkstätte und damit das Haus des Meisters geschlossen. Dieser ununterbrochene Wirtshausbesuch eine lange Reihe von Jahren hindurch, und zwar in der so empfänglichen Jugendzeit, muß den jungen Mann unwirtschaftlich, locker und oberflächlich machen, auch wenn die Umgebung nicht in dem Maße dazu hülfe, als sie leider wirklich tut. Da man ihm den Kirchenbesuch nach Kräften unmöglich macht, und zwar durch äußeren und inneren Zwang, so kann, alles zusammengenommen, die Gottlosigkeit nicht ausbleiben. Was nun aus der Familie wird, die ein solcher Geselle einst gründet, kann sich jeder leicht selbst denken. Die Pfarrer, die Vinzenzvereine und die Polizei können indes reichlichen Aufschluß geben.

So war es schon vor Jahr und Tag. Ein Abgrund ruft aber den anderen hervor. Noch hatte das Übel seine eigentliche Tiefe nicht erreicht. Die Zeitumstände haben dazu geholfen. Es ist nämlich das [!] Verderbnis nicht bloß in dem Handwerkerstande der größeren Städte heimisch gewesen. Auch andere Stände sind abgeirrt vom Wege der alten Ordnung und des alten Rechts. Eine gewisse sogenannte gebildete Klasse hat nicht allein sich in maßloser Unsittlichkeit ausgebildet, sondern auch die Waffen einer falschen Wissenschaft gerüstet, um für ihr gottloses Tun ein Recht sich zu erkämpfen. Die äußere staatliche Ordnung stand ihnen im Wege; um sie mit Erfolg niederzuwerfen, mußte man gegen den christlichen Glauben angehen. Damit das Reich des Teufels Platz finde, war es nötig, den lichten Himmel zu verdunkeln. Von daher die offene und geheime Wut gegen das Christentum überhaupt und gegen die katholische Kirche insbesondere. Was dieser antichristliche Geist seit lange[m] in der Stille vorbereitet hatte, alle Sünden nämlich, die in sozialer Beziehung an der Menschheit bisher verübt worden, wurden als Beweise gegen das Christentum selbst angerufen. Man bedurfte der Massen, um den offenen Krieg zu beginnen. Kräftige Arme und verwegene Herzen waren notwendig, um mit physischen Kräften in den Kampf zu stürzen. Man wandte sich an die Arbeiter, besonders an die Gesellen. O wie leicht war es, diese vernachlässigten, verachteten, armen Burschen, die ja nicht wußten, was christliche Liebe tue, die, eingetaucht in jeden Schmutz, das Aufblicken zum Himmel längst vergessen hatten, echte Proletarier, gequält von einer unerträglichen Freiheit, zu überreden, daß es mit der Ewigkeit und dem Himmel nichts, daß alle Religion nur Pfaffentrug sei, um das arme Volk niederzuhalten; denn man übe das Christentum ja an ihnen nicht, verstoße und verachte sie, während man selbst gut lebe etc., etc.! Verkommenen Menschen ist jede Logik willkommen, wenn sie ihrem Treiben nur zusagt. Von der Frivolität in der Sitte bis zum Unglauben ist überhaupt nicht weit. Also wurden nun hauptsächlich die Werkstätten und Herbergen auserkoren, um auf ihnen den Unglauben, den nacktesten, scheußlichsten Unglauben zu predigen. Dazu ist jedes Mittel angewandt worden, das Menschen nur ersinnen können, die ihren Zweck mit eiserner Konsequenz verfolgen. Wurden früher auf den Werkstätten die unsittlichsten Bücher und Schriften gelesen, so wurden sie nun mit einer Literatur überschwemmt, die es planmäßig abgesehen hat, vorerst jede Anhänglichkeit an die Religion zu ersticken, dann unauslöschlichen Haß gegen die bestehende soziale Ordnung einzuflößen. In dem letzten Jahrzehend [!] wurden revolutionäre und kommunistische Handwerkerverbindungen allenthalben organisiert und diese durch halb Europa geleitet, die Mitglieder mit allen Mitteln der Überredung, der Furcht, des Schreckens, mit maßlosen Hoffnungen und Aufstachelung jeder Leidenschaft geworben und bei der Sache festgehalten. Das sind alles bekannte Tatsachen. Die äußere Staatsgewalt sprengte, wo es nur anging, diese Verbindungen zwar; aber es liegt auf flacher Hand, daß sie damit weder die Sache selbst beseitigt noch weniger das Übel an der Wurzel hebt. Dazu fehlen jeder bloß äußeren Gewalt die Mittel. Bis auf die Werkstätte dringt keine Polizei, noch weniger vermag sie in das Menschenherz hinabzusteigen; und doch sitzt noch heute auf mancher Werkstatt ein Handwerkerverein, der in rotem Stil Propaganda treibt.

Und das Ergebnis? Jetzt widerhallen die Wände der meisten größeren Werkstätten, ohne besonders großen Unterschied der Gewerke, von Flüchen und Gotteslästerungen jeder Art Tag für Tag; jetzt ist der größte Teil der Gesellen in den größeren Städten und in den größeren Werkstätten mit dem rohesten Unglauben, der dabei seine absonderliche Spezies von Unsittlichkeiten treibt, angesteckt. Heutzutage gibt es in jeder größeren Stadt eine Anzahl Werkstätten, auf denen es vertönt ist, auch nur den Namen Gottes, es sei denn zur Lästerung, zu nennen. Ich könnte die Städte nennen im deutschen Vaterlande, leider macht keine eine besondere Ausnahme, und die Werkstätten dazu, wo es für einen braven, ordentlichen Gesellen entweder ein unbeschreibliches Martyrium oder geradezu eine Unmöglichkeit geworden ist, einen Platz zu bekommen und zu behaupten. Überall dieselbe Sittenlosigkeit; überall dieser freche, gewalttätige Unglaube. Dem nachdenkenden Menschen graut vor solchen Zuständen, oder er möchte zweifelnd den Kopf schütteln, und doch habe ich aus dem Munde von ordentlichen Gesellen eine ganze Reihe von Tatsachen gesammelt, die solche Zustände mit greulichen Beispielen beleuchten. Hier ist eine Werkstätte, auf der man während der Karwoche ? d.J. ? die Zeremonien der katholischen Kirche auf's frevelhafteste nachäfft, bloß um einen armen Burschen, der nicht mithalten will, zu quälen, am heiligen Ostertage ihn aber fast erwürgt, damit er, seinen Glauben verleugnend, den Namen Gottes lästere; dort sitzt in jeder freien Stunde der erste Arbeiter mit einem demokratischen Teufelskatechismus in der Werkstätte und prägt den anderen seine greulichen Lehren ein. Wieder auf einer anderen Werkstätte hat man sich verschworen, keinen "Jesuiten", d.h. keinen annoch gläubigen Gesellen, bei sich zu dulden, damit er nicht verrate, was andere auskramen. Anderwärts wirft man diejenigen buchstäblich vor die Tür, welche noch mit einiger Ehrfurcht von Gott und göttlichen Dingen reden; und so geht es von einem zum anderen fort, daß man mit Schauder und Entsetzen in ein solches Handwerksleben hineinschaut. Die Meister aber - sind "Arbeitgeber", keine Meister mehr und kümmern sich um das Tun und Treiben der Gesellen blutwenig, wenn sie nicht gar von ähnlichem Schlage sind. Es gibt deren, die wagen nicht einmal, den Fuß auf ihre eigene Werkstätte zu setzen. Arme Lehrlinge! Wie wenig nützt euch die bessere Erziehung, die ihr in früher Jugend empfangen, wenn ihr einmal in einer solchen Werkstätte drin sitzt! Wie wenig hilft euch der menschenfreundliche Schutz, den man euch sonst will angedeihen lassen!

Aber diese Gesellen, deren Zahl, wie mir ein Hochroter sagte, Legion ist im Lande - und ich glaube es ihm -, diese Gesellen, sage ich, werden einst Väter, wenn sie es nicht schon sind; diese Gesellen sitzen mitten in der niederen Volksklasse ihr Leben lang und streuen ihr Gift in tiefe Furchen! "Aber wo wallt ihr denn hin, die ihr den Glauben an die Ewigkeit mit den Lehren des Christentums darangegeben habt?", fragte ich jüngst einen sozialistischen Gesellen, der gerade alle neuen kommunistischen Bücher gelesen. "Wohin wir wollen", antwortete er mit der größten Kaltblütigkeit, "sollt ihr Zurzeit schon sehen. Der Augenblick wird kommen, an dem wir an die Reihe kommen, Vergeltung zu üben. Wir schlafen mit wachenden Augen." Also stets ein schlagfertiger Haufein], der nur des günstigen Moments harrt, um wie ein blutdürstiger Tiger über die soziale Ordnung herzufallen. Verwegen sind diese Leute und haben, da sie Gott verloren, nichts weiter mehr zu verlieren. Wenigstens dürfte das zu ernstem Nachdenken stimmen.

Was ist bei so bestellten Dingen zu tun? Bloßes Bejammern hilft sicher nicht. Hilfe muß geschafft werden, augenblickliche und reichliche Hilfe. Ich habe die weite, klaffende Wunde unserer Zustände im heutigen Handwerkerleben auch nicht deshalb gezeigt, um bloßen Schrecken einzujagen, sondern um zum Mitleid, und zwar zum tätigen Mitleid, zu stimmen. Wir können nämlich helfen und vieles retten. Vorerst will ich auf das hinweisen, was wir in Anbetracht berührter Zustände seit ein paar Jahren unternommen haben. Weil es dem annoch gutwilligen Gesellen zunächst an einem moralischen Halte fehlt im Leben, weil ihm außer dem Wirtshause in der Regel ein Ruheplätzchen fehlt, weil ihm der Verkehr mit gleichgesinnten Genossen fehlt, da die ordentlichen Gesellen sich meist einzeln durchs Leben drücken, damit die allgemeine Verachtung sie nicht mittreffe, weil dem Gesellen geradezu die Gelegenheit fehlt, sich mit nützlichen Kenntnissen zu bereichern und eine unschuldige, harmlose Freude mit seinen Handwerksgenossen zu genießen, darum und aus ähnlichen Gründen haben wir schon vor Jahr und Tag den "katholischen Gesellenverein" eingerichtet, zuerst in Elberfeld, dann in Köln, dann in den übrigen rheinischen Städten, jüngst mit unerwartetem Erfolge in Bayern, Österreich, Böhmen, Schlesien und in manchen preußischen Städten, so daß wir gegenwärtig bereits 25 Städte zählen, in welchen der Verein schon eingerichtet ist. Über 3000 Mitglieder gehören den Vereinen an, und wächst die Zahl nach Maßgabe der wirklichen Wohltaten, welche dem Gesellen durch den Verein geboten werden. Das Vereinslokal ist und soll sein ein familienartiges Casino, in welchem die Mitglieder kostenfrei in anständiger Erholung und nützlicher Beschäftigung ihre freie Zeit zubringen können. Was das Haus des Meisters eigentlich bieten sollte, das suchen wir, soweit die Kräfte reichen, dem braven Gesellen zu gewähren. Ein katholischer Geistlicher ist Hausvater. An einen solchen Verein kann sich ein ordentlicher Geselle mit Ehren anschließen. Wir haben nur ordentliche Gesellen aufgenommen. Die anderen hassen und verhöhnen uns natürlicherweise. Dadurch aber haben wir unter den Gesellen selbst eine ziemlich schroffe Scheidung bewirkt. Daß diese gebieterisch notwendig ist, wird jeder nachdenkende Leser gern zugestehen. Wir haben die Freude zu sehen, daß außer der großen Zahl gänzlich verkommener Subjekte noch mancher brave, ordentliche Bursch herumgesessen hat, und sei es auch auf kleineren Werkstätten, der mit Freuden sich dem Vereine anschließt und trotz jedem Hohn von selten der Widersacher treu zur Sache hält. Wir zählen in Köln die Mitglieder bereits zu Hunderten, und Hunderte reden noch mit dankbarer Freude in der Ferne von dem segensreichen Einflusse des Vereines auf ihre ganze Jugend. Auf diese Hunderte und im ganzen Vaterlande auf diese Tausende setzen wir große Hoffnungen. Wir täuschen uns dabei nicht. Viel Böses ist da, und viel Böses wird bleiben; ja, das Böse wird vielleicht zahlreicher bleiben als das verhältnismäßig wenig Gute. Aber das Gute ist dauerhafter als das Böse, und dem Guten eine Macht schaffen, und sei sie im Anfang auch noch so gering, ist heutzutage, wenn je, Pflicht und ein sehr großer Gewinn. Wir haben den Gesellenverein auf den katholischen Glauben gebaut und reden ihm das Wort. Solange es noch Menschen gibt, die an das unvertilgte Ebenbild Gottes in ihrer Seele glauben, wird das katholische Christentum ein Echo finden in der Menschenbrust. Der katholische Glaube wird mit Gottes Hilfe den Verein halten und erhalten. Erweitern aber muß ihn die katholische Liebe, und der Verein ist der Erweiterung fähig und überaus bedürftig. Der Verein in der Form, wie er jetzt dasteht, deckt weder alle Bedürfnisse, noch bietet er jene Garantie für die Zukunft dar, die man ihm nicht bloß wünschen, sondern mit allen Kräften schaffen muß.

Wenn es auf den Werkstätten vielfach so aussieht, wie oben berichtet worden, dann kann man sich leicht denken, wie es auf den Herbergen ausschaut. Dort fließt natürlich alles zusammen, was das Land an wandernden Handwerksgebrechen hat. Dazu hat die Zunft seit lange[m] dort kein Wort mehr zu sagen. Die Burschen sind in den Händen eines Wirtes, der Wirt sucht seinen Vorteil, und da er sich in der Regel nach seinen Gästen bequemt, so sind Handwerksburschen, Herbergen und ihre Wirte von einem und demselben Schlage. Die Klage aller ordentlichen Gesellen läuft darauf hinaus, daß kein ordentlicher Mensch sich mehr auf den Herbergen aufhalten könne. Auch wirft man bisweilen die Mitglieder des Katholischen Gesellenvereins, wenn sie sich dort blicken lassen, förmlich vor die Tür, und zwar, weil sie dem Vereine angehören, von Rechts wegen. So argumentiert die rote Freiheit. Selbst da, wo die Zünfte noch bestehen wie in Bayern und in Österreich, ist das Herbergswesen meist in greulicher Unordnung, wie mir von allen Seiten einhellig ist versichert worden. Nun, es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre.

Wir wissen eine gründliche Hilfe in dieser Not und stehen im Begriffe, Hand ans Werk zu legen, und zwar im heiligen Namen Gottes. Wir beabsichtigen, sofort mit dem Gesellenvereine ein Gesellenhospitium, eine katholische Gesellenherberge zu verbinden, die, nach christlichen Grundsätzen eingerichtet, den ordentlichen Gesellen ordentliche Unterkunft und Pflege bieten soll. Da wir den Beifall unseres altverehrten Oberhirten haben, wollen wir die Leitung dieser höchstnötigen Anstalt selbst in die Hände nehmen und hoffen zu Gott, daß uns nun dazu die nötige Hilfe und Unterstützung zuteil wird. Hunderte, ich darf sagen Tausende braver Gesellen harren mit Sehnsucht nach der Eröffnung dieser Anstalt. Zugleich soll dieses Gesellenhospitium in Köln für auswärtige Leiter der Vereine Gelegenheit bieten, das Gesellenvereins? und Hospitienwesen praktisch kennenzulernen. Wenn es dann Gott gefällt, das neue Werk zu segnen, werden im Laufe der Zeit auch anderwärts ähnliche Hospitien entstehen. Der ordentliche Handwerksbursch findet dann eine ordentliche Unterkunft und eine tüchtige Lebensschule allenthalben im Lande. Die Sache ist so einfach, so notwendig und so reichen Segen verheißend, daß wir mit Freuden dabei sind, alles dafür zu tun, was nur in unseren Kräften steht. Dazu gilt es ja unseren wackeren Arbeitern; es gilt unseren künftigen Vätern und Bürgern, an denen man wohl nicht leicht zuviel Gutes tun kann.

Um diesen unseren Vorsatz aber auszuführen, bedürfen wir Mittel, und zwar reichliche. Wir müssen ein Haus haben, groß genug, um wenigstens 500 junge Leute versammeln zu können, abgesehen von den nötigen Räumlichkeiten für das eigentliche Hospitium und die Wohnung des Vorstehers und der übrigen Bedienung. Wir müssen ein eigenes Haus haben, weil wir eine eigentümliche, dem Zwecke entsprechende Einrichtung des Hauses treffen müssen, eine gemietete Wohnung aber außerdem unsere Sache um nichts bessert. Das ist das erste und dringendste Bedürfnis, zu dessen Abhilfe wir hiermit im Namen Gottes und seines heiligen Glaubens auffordern. Wir wenden uns dabei an wohltätige katholische Herzen, denen es darum zu tun ist, daß es wirklich und wahrhaft besser wird in der Bürgerschaft, und die überzeugt sind, daß nur eine tätige katholische Liebe, je reicher und freigebiger, um so besser, diese Besserung bewirken kann. Wir können und sollen nicht leugnen, daß unsere sozialen Verhältnisse auch dadurch zum Teil so schlecht geworden sind, weil man der tätigen katholischen Liebe vergaß, weil wir dem armen Volke viel, sehr viel an Lebender Pflege schuldig geblieben sind. Holen wir, da wir noch leben und wirken können, bei nach Kräften, was versäumt worden! Es handelt sich um einen der wichtigsten, wenn nicht geradezu den wichtigsten, weil zahlreichsten Stand in der Stadtbevölkerung. Tun wir ihm viel Gutes, daß er wieder an unserem Glauben den seinigen entzünde und die Lästerung vor unserer hingebenden Liebe verstumme. Nur wahre, tätige Liebe regeneriert die Welt. Bringen wir doch den falschen, gottlosen Sozialismus nicht eher wirksam zum Schweigen, als bis wir mit christlichem Heldenmute den christlichen Sozialismus üben.

Ein großes, fast unübersehbares Feld der Arbeit liegt vor uns; das menschliche Herz erschrickt vor der ungeheuren Aufgabe, die uns zu lösen obliegt. Aber unsere Hoffnung ruht auf Gott, der schwache Kräfte tausendfältig mehren kann, der die Seinigen auch in diesen Weinberg schicken wird. Wir zweifeln nicht einen Augenblick daran, daß das notwendige geistliche Personal sich mit der Zeit einfinden wird; hat die Kirche doch immer den Bedürfnissen der Zeit abzuhelfen gewußt. Gott gibt den Beruf allein. Um was wir aber im Namen Gottes die vermöglichen [!] Stände bitten, sind die materiellen Mittel, welche nötig sind, das äußere Werk hinzustellen. Diese Mittel müssen wir Menschen, wir Christen beischaffen. Das Bedürfnis beläuft sich allerdings bereits auf eine ansehnliche Summe; kostet das Haus mit der nötigsten Einrichtung doch ungefähr 18000 Taler. Wenn wir das erste Drittel aufgebracht haben, wird in Gottes Namen angefangen. Sollten wir zweifeln dürfen an der christlichen Opferwilligkelt unserer höheren Stände? Sollte das altkatholische Köln - wir schließen das katholische Rheinland nicht aus, wenden den bittenden Blick sogar über seine Grenzen hinaus - nicht den wohltätigen Sinn seiner Ahnen auch in diesem Falle bewähren? Gilt die Anstalt ja doch seinen Söhnen, seinen künftigen Meistern und Bürgern, wie sie dem katholischen Vaterlande offensteht und bereit ist, so viel und so weit Gutes zu tun, als nur immer die Kräfte reichen. Wenn der Gesellenverein bisher den Beifall der Gutgesinnten erworben und aus kleinen Anfängen sich bereits segensreich durchs ganze Land verbreitet hat, wenn alle Kundigen übereinstimmen, daß das zu unternehmende Hospitiensystem ein wahres Zeitbedürfnis geworden, nun, dann laßt uns doch alle miteinander helfen, daß es seine volle Tätigkeit entfalten kann, daß unser Unternehmen auch für die Zukunft gesichert bleibt und seine annoch lose Existenz zu fester, von der Kirche gesegneter Konsistenz gelangt. Das liegt im zeitlichen und ewigen Interesse der Kirche und des Staates, der Bürgerschaft und der Familie; das liegt in jedes aufrichtigen Christen Interesse. Wir rufen deshalb um tätige ausreichende Hilfe. Wir bitten dabei nicht in unserem Namen, sondern im Namen des allmächtigen Gottes, dessen Erbarmung wir einst alle anzurufen Ursache haben; wir bieten im Namen des Glaubens; wir bitten im Namen Tausender armer Handwerksgesellen, die heute noch, jeder Verführung ausgesetzt, kummervoll durchs Land wandern und gern sich ans Bessere anschließen, wenn ihnen nur der nötige Schutz gewährt wird. Wir bitten im Namen armer bekümmerter Eltern, die mit gerechtfertigtem Schmerz ihre Söhne in die Fremde wandern sehen, im Namen künftiger Generationen, für die wir ja auch einen Teil der Verantwortung übernehmen müssen. Das Opfer, das ihr jetzt bringt, wird Gott vergelten, der niemandem schuldig bleibt. Helft uns also zum großen guten Werke! Wir wollen beten für euch, milde Geber, auch beten, daß Gott uns stärke, das gute Werk einzig und allein in seinem heiligen Namen zu beginnen und fortzusetzen. Über die Gaben, welche der Unterzeichnete entweder selbst in Empfang zu nehmen bereit ist oder die man baldigst an ihn wolle gelangen lassen, wird zurzeit allen freundlichen Gebern Rechenschaft abgelegt werden. Zugleich wird dann auch über die weitere Einrichtung des Hospitiums wie über die Grundsätze bei seiner Leitung ausführlich Bericht erstattet werdend. Währenddessen steht unsere Anstalt allen offen, die ein tätiges Interesse an unserem guten Werke haben, und hoffen wir, daß der Augenschein uns die Herzen noch günstiger stimmt.

Möge Gott der Herr unserem Worte Eingang in die Herzen verschaffen und unsere Bitte reichlich segnen, damit das Werk rasch kann unternommen werden! Um so schneller wird sein Segen lohnen.

Köln, den 5. August 1852.
Adolph Kolping,
Domvikar und Präses des Gesellenvereins, Burgmauer Nr. 33

VKH-Leitlinien

Wo Kolping draufsteht, ist auch Kolping drin.

Mehr Infos