Aktuelles

Wo Frieden geht – Friedenswanderung in Südtirol

22.07.2025

Donnerstagnachmittag. Vor den Hotels in Bozen füllt sich langsam der Gehsteig. Einer nach dem anderen kommt an, zieht Koffer hinter sich her, schaut sich um – die Friedenswanderung nimmt Gestalt an. 280 Kolpingmitglieder aus 13 Nationen sind angereist, für ein verlängertes Wochenende, das anders werden wird als andere. Viele sind zum wiederholten Male dabei, einige zum ersten Mal. Gar einige Passanten werden die nächsten Tage die Farbe Orange präsent vor Augen haben. Es ist das leuchtende Symbol für das, was diese Tage tragen wird: Zusammenhalt über Grenzen hinweg.

Kaum angekommen, entstehen schon die ersten Gespräche untereinander. In einer Sitzecke diskutieren ältere Mitglieder aus Deutschland und Österreich über Jugendprojekte von früher und heute. Wie sich Werte ändern, was gleichbleibt. Stolz wird berichtet, wie früher das eigene Kolpinghaus von ihnen selbst gebaut wurde. Die Freude sieht man den älteren Herrschaften an, wenn sie in Erinnerungen schwelgen. Die Bedürfnisse haben sich verändert – doch der Anspruch bleibt: der Idee Kolpings auch morgen gerecht zu werden. Insgesamt einigt man sich darauf, jungen Menschen Mut zu machen.

Am Domplatz beginnt später der offizielle Auftakt: Banner aus 13 Ländern werden getragen, Fahnen wehen im Abendlicht. Die Glocken des Doms läuten, als würden sie die Menschen begrüßen, es folgt eine Messe mit Generalpräses Christoph Huber. Zurück im Kolpinghaus: Abendessen, Gläser klingen, Stimmen kreuzen sich. Der Saal wird zu einem Gemeinschaftsraum, in dem Grenzen verschwimmen. Ein Glas Wein, ein Stück Apfelstrudel, ein gemeinsames Lachen – so beginnt eine Friedenswanderung.

Freitagmorgen, Talstation der Rittner Seilbahn. Eine logistische Meisterleistung bringt den Großteil der Leute auf den Ritten. Im extra eingerichteten Kleinbus sitzen zwei Damen, die sich seit Jahren zur Friedenswanderung treffen. Sie tauschen Geschichten aus, über vergangene Jahrzehnte, über verstorbene Männer, über das Altwerden mit Haltung. "Die Beine machen nicht mehr mit wie früher," sagt eine von ihnen. Der Ausblick weiter oben entschädigt sogar die ungewohnten Serpentinen den Berg hoch.

Nach einer leichten, abwechslungsreichen Wanderung versammelt sich die Gruppe vor der kleinen Waldkapelle beim Haus der Familie – ein stiller, fast geschützter Ort inmitten der Natur. Toni Fiung begrüßt die Teilnehmenden mit einfühlsamen Worten, die ebenso persönlich wie verbindend wirken. Danach spricht Nationalpräses Pepi Stampfl – ruhig, unaufgeregt, aber mit einer Klarheit, die hängen bleibt. Er braucht keine großen Gesten, um den Kern dessen zu benennen, worum es bei dieser Friedenswanderung geht: Einander die Hand reichen und aufeinander zukommen.

Am Abend erfüllt Klaviermusik den Saal des Kolpinghauses – Larysa Markulyak aus der Ukraine nimmt Platz am Klavier, ganz ohne große Ankündigung, und beginnt zu spielen. Ihre Melodien sind leise, fast tastend, doch nach und nach breitet sich eine besondere Stimmung im Raum aus: konzentriert, still, offen. Als das letzte Stück verklingt, bleibt für einen Moment alles ruhig, bevor sich die Menschen erheben und gemeinsam die vertrauten Kolpinglieder anstimmen. Ohne Proben, ohne Chorleitung, aber mit erstaunlicher Klarheit und Wärme entsteht ein gemeinsamer Klang, der nicht perfekt, aber getragen ist – von Zugehörigkeit, Erinnerung, Vertrauen. Es ist einer dieser Augenblicke, in denen spürbar wird, dass das Verbindende nicht im Gleichen liegt, sondern im gemeinsamen Tun. Die Gesichter im Saal wirken gelöst, manche strahlen, andere hören einfach zu – und doch entsteht etwas, das für viele mehr bedeutet, als Worte es ausdrücken könnten.

Samstagmorgen, Grieser Stiftskirche. Dann wandern durch die Stadt. Die Banner wehen wieder, diesmal durch Bozen. Vor der Franziskanerkirche bleiben Menschen stehen, fragen und fotografieren. Die Messe wird zum Zwischenhalt. Und am Abend? Wieder dieses besondere Zusammensein. Gespräche über Frieden und wie es in der Welt zugeht. Unzählige. Nicht laut, nicht belehrend, sondern geteilt, persönlich. Der letzte Abend klingt aus, nur ein Teil der TeilnehmerInnen bleibt auch am nächsten Tag noch da. Am Sonntag brechen die Teilnehmenden in verschiedenen Gruppen zu Ausflügen auf – eines der Ziele ist das Kloster Neustift bei Brixen, ein auch geschichtlich sehr interessanter Ort. Nationalpräses Pepi begleitet die Gruppe und führt sie durch Räume, die sonst für Besucher verschlossen bleiben. In den alten Mauern ist es still, fast ehrfürchtig – viele bleiben einen Moment stehen, schauen und staunen. Am Abend kehren alle Gruppen nach Bozen zurück. Beim letzten gemeinsamen Abendessen im Kolpinghaus füllt sich der Saal noch einmal mit Gesprächen, Gelächter und dem Gefühl, dass aus vielen Begegnungen etwas Gemeinsames entstanden ist.

Was bleibt, ist mehr als ein Programm. Es ist dieses "Wir" auf Zeit, das überdauert. Die Friedenswanderung ist kein Event. Sie ist eine Erfahrung. Ein kollektives Erinnern daran, dass Europa mehr ist als Verträge. Dass Kolping mehr ist als Struktur. Dass Gemeinschaft entsteht, wenn Menschen bereit sind, sich aufeinander einzulassen. Und dass Frieden beginnt, wenn wir aufhören, übereinander zu sprechen – und anfangen, miteinander zu gehen.